VoIP Grundlagen
Autor:
bravus
Ich schreibe im folgenden einfach mal runter, was meiner Erfahrung nach hinter dem Begriff "VoIP" beim E60 steht. Dabei werde ich einige Basics erklären, die man wissen sollte, um mit dem E60 VoIP-Funktionen richtig umzugehen bzw. sie überhaupt nutzen zu können.
1. Series 60 und SIP
S60 3rd Edition spezifiziert, dass unterstützende Handys SIP [1] prinzipiell unterstützen müssen. Das N70 von Nokia ist prinzipiell auch SIP-fähig, allerdings kann die Funktion nicht genutzt werden, weil schlicht das entsprechende Programm fehlt, das die Funktion nutzt und z.B. in das Wählen-Menü einbindet. Die E-Serie nutzt die SIP-Funktionen nun, allerdings ist die Implementierung von SIP sehr "basic" ausgefallen.
2. E60 SIP Implementierung: Features und Einschränkungen
Das E60 beherrscht Standard-SIP weitgehend perfekt. Allerdings ist SIP nur ein Teil des Puzzles, das man zusammenbauen muss, um wirklich telefonieren zu können. Und Nokia hat aus bestimmten Gründen (siehe 3.) "vergessen", einige dieser erweiterten Funktionen einzubauen, die in der restlichen SIP-Welt bereits Standard sind. Um das zu erklären, muss ich etwas ausholen:
SIP ist nur ein Signalisierungs-Protokoll, vergleichbar mit dem, was über den D-Kanal bei ISDN läuft, die eigentliche Sprachkommunikation erfolgt via RTP [2]. Während SIP immer auf demselben Port läuft (meistens 5060 + 5061 für SDP [3]), werden bei RTP die Ports dynamisch vergeben. Das führt dann zu Problemen bei der Sprachverbindung, wenn mehrere Geräte an einem Internet-Anschluss hängen, wenn also NAT [4] zum Einsatz kommt. NAT hat Probleme mit dynamischer Port-Zuordnung.
Die Lösung dafür heisst eigentlich STUN [5] bzw. ICE [6], beide Funktionen unterstützt das E60 mit seiner Implementierung aber nicht, sodass man NAT anders umgehen muss, letztlich mit Tricks.
Das ist der wesentliche Grund, warum das E60 nicht einfach mit einem Standard-sipgate Account funktioniert.
3. Warum die Einschränkungen?
Nokia zielt mit dem E60 auf den Business-Bereich, also Kunden, bei denen das E60 und der SIP Server im selben LAN stehen. Hier gibt es i.d.R. keine Probleme, abgesehen von Unstimmigkeiten zwischen den Implementierungen einiger Hersteller. In geschlossenen LANs kommt kein NAT zum Tragen, lediglich der SIP-Server muss irgendwie seine Daten nach außen transportieren. Er übernimmt hier auch meist die Funktion eines Proxys für Gespräche (RTP), was viele Probleme, die es in einer NAT-Umgebung gibt, ausräumt.
4. Wird Nokia nachbessern und NAT unterstützen?
Ich denke nicht, denn das E60 ist gezielt ein Business Phone, das ein Administrator sogar über das Netz remote managen kann. Privatkunden sind außen vor bzw. zweitrangig. Ich glaube, es wird eher in Richtung Unterstützung weiterer Telefonanlagen Hersteller, wie Siemens oder Alcatel gehen.
Außerdem ist das E60 eine Art Vorreiter, weil es eines der ersten Handys ist, das den Mobilfunkkonzernen, die sich mehr und mehr hin zu integrierten Kommunikationsanbietern entwickeln (T-Mobile + T-Online/T-COM, O2 + Telefónica, Vodafone + Arcor, EPlus + BT?) erlaubt, völlig neue Produkte anzubieten. Entsprechende Artikel findet man z.B. in den heise-News. British Telecom hat bspw. angekündigt, ein Konvergenzprodukt anzubieten, das in einem Endgerät (Handy) GSM, UMTS und WLAN-/VoIP-Telefonie vereint und einen darauf abgestimmten Service bietet (eine gemeinsame Rufnummer? Umschalten in's Heimnetz wenn WLAN erreichbar? Auf Basis des E60?).
5. Was tun, um das Problem zu umgehen
Prinzipiell muss der SIP-Server dazu transparent im Internet stehen, also nicht hinter einem NAT-Router. Die in anderen Threads genannten "Relay-Services" erfüllen diesen Anspruch, sodass das E60 damit klar kommt.
6. Welche Möglichkeiten habe ich zu Hause, um das E60 noch effektiver einzusetzen?
- In Asterisk [7] reinlesen und einen eigenen Server aufsetzen
- Mal mit dem Gedanken an einen Linksys SPA3000 [8] spielen. Damit lässt sich zu Hause mit dem E60 über den vorhandenen Telefonanschluss telefonieren - einige weitere Technik vorausgesetzt.
- Einen guten Router mit eingebautem Access-Point kaufen. Es kommt dabei vor allem auf QoS [9] an.
7. Meine persönliche Wunschliste
- automatisches Umschalten auf Internet-Anruf als Standard wenn im Heim WLAN eingebucht
- STUN/ICE Implementierung
- Presence ("Wer ist gerade online") Funktionen im Adressbuch (über SIP/SDP umsetzbar)
- Halten-Funktion bei SIP-Anrufen funktioniert sauber
- Konferenzen bei SIP- und Mobilanrufen (gemischt) funktionieren
Falls irgendjemand diesen Artikel wirklich interessant findet, lasst es mich wissen. Ich würde dann regelmässig einige weitere Details schreiben.
[1] SIP
[2] RTP
[3] SDP
[4] NAT
[5] STUN
[6] ICE
[7] Asterisk
[8] Linksys SPA3000
[9] QoS